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Teilhabe, Barrierefreiheit und Inklusion

Teilhabe meint nach der UN-Konvention die gleichberechtigte, selbständige, barrierefreie Entscheidungsfreiheit über Bildung, ausreichenden Lebensstandard, selbständige und selbstbestimmte Wohn- und Lebensformen sowie Arbeitsmöglichkeiten, also selbstverständliche Formen von Menschenwürde.

Wir sprechen hier von keiner kleinen Randgruppe. Laut den Angaben des statistischen Bundesamtes lebten 2009 in Deutschland 9,6 Mio, 11,7% der Bevölkerung, mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Danach waren 7,5%  von einer schweren Behinderung betroffen, 2,5% von einer leichteren Behinderung. Gegenüber 2005 ist die Zahl der Menschen mit Behinderungen um 11% gestiegen. 17% der Menschen mit Behinderungen im Alter zwischen 25 bis 44 Jahren haben keinen Schulabschluss (im Vergleich: 3% ohne Behinderung). Über 60% haben einen Hauptschulabschluss, 12 % Abitur und nur 3% einen Hochschulabschluss. 64% sind von körperlichen Behinderungen betroffen. 10% machen geistige und seelische Behinderungen aus. Aber obwohl über 70% dieser Menschen  einen Schulabschluss haben  und nur eine  geringe Anzahl von geistigen Behinderungen betroffen ist, bestreiten nur 19 %  Ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsfähigkeit. 62% erhalten eine Rente.

Ein großer Schritt zu mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben war die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie wurde von der Bundesrepublik Deutschland 2009 unterzeichnet. Der völkerrechtlich verbindlicher Vertrag fordert die gleichberechtigte, barrierefreie Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens von Menschen mit Behinderungen.

Über sechs Jahre nach der rechtsverbindlichen Einführung der Teilhaberesolution lässt die Umsetzung in Deutschland immer noch sehr zu wünschen übrig. Vor allem die unbefriedigende Umsetzung der Inklusion im Bereich der allgemeinbildenden Schulen wird von Betroffenenverbänden und Inklusionspädagogen kritisiert. In das Lehramtsstudium fliessen erst nach und nach Inklusionsansätze ein. Weiterführende Schulen, Ausbildungsinstitutionen und Universitäten scheuen noch häufig davor zurück, Inklusion selbstverständlich umzusetzen. Es gibt keine bundesweit einheitlichen Regelungen dafür. Bildung ist Länderangelegenheit.

 Zur Umsetzung dieser Rechte in allen gesellschaftlichen Bereichen  wurde die Konvention unter der Mitwirkung von Betroffenen und ihren Verbänden erstellt. Die Vertragsstaaten haben sich verpflichtet, „geeignete Maßnahmen zu treffen, um beeinträchtigte Menschen einen angemessenen Lebensstandard und sozialen Schutz zu sichern“. Damit sollen nicht nur allgemeingültige Menschenrechte erklärt, sondern deren Umsetzung für die betroffenen Menschen in der Gesellschaft vorangetrieben werden.

Anfang Dezember 2016 soll die Neuregelung des Bundesteilhabegesetzes in 2. und 3. Lesung vom Bundesrat verabschiedet werden. Die große Chance, damit die Forderungen der UNO-Konvention zum Schutz behinderter Menschen endlich bundeseinheitlich umzusetzen und damit den betroffenen Menschen einen freien Zugang zu Arbeits- Lebens- und Wohnformen zu ermöglichen wird damit verpasst.

Das Bundesteilhabegesetz stellt das Wunsch- und Wahlrecht nach wie vor unter einen Mehrkostenvorbehalt, schränkt entgegen der Entwurfsbegründung den Kreis der Leistungsberechtigten ein und zwingt die Leistungsempfänger auch weiterhin ihr Einkommen und Vermögen einzusetzen

Bei der deutschen Übersetzung der Konvention wurden aber keine Betroffenen und ihre Verbände einbezogen. Dadurch verlieren einige Forderungen ihre Schärfe. In der Original-Konvention wird von Inklusion in der Bildung  gesprochen, in Deutschland wird das häufig mit Integration gleichgesetzt. Politisch ist damit aber ein anderer Ansatz gemeint. Vor allem im Schulsystem haben Inklusion und Integration eine unterschiedliche Bedeutung. Deshalb hier eine genaue Begriffsdefinition:

·     Inklusion geht von der Wertschätzung der Vielfalt und Unterschiedlichkeit aus. Es ist normal, dass unterschiedliche Möglichkeiten an Kompetenzen und Fähigkeiten, Notwendigkeiten von Förderung, Lernfortschritten etc bestehen. Sie sieht Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Menschen anderer ethnischer und kultureller Herkunft innerhalb einer Gemeinschaft stehend. Es ist Aufgabe der Gemeinschaft, dafür zu sorgen, dass die Menschen am vollen gesellschaftlichen Leben teilnehmen können und die notwendigen Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung gestellt werden. Die betroffenen Menschen definieren selber, welche Bedürfnisse an Assistenz, Förderung und Unterstützung sie benötigen.

·     Integration beschreibt eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, in der es notwendig ist, Menschen die aus unterschiedlichen Gründen (nicht nur Beeinträchtigungen, auch Herkunft oder Sprache) von der Gemeinschaft ausgeschlossen waren und in getrennten Gemeinschaften zusammengefasst waren, in die Gemeinschaft einzubeziehen (integrieren) durch Nachteilsausgleich, Förderung etc. Sie orientiert sich an einer gültigen Norm, was als Normalität der Gemeinschaft gilt (z. B. gleicher Wissenstand), die dann aber zur vollen Integration erreicht werden muss und Vielfältigkeit einschränkt.

In den weiteren Ausführungen zu Barrierefreiheit, Teilhabe und Inklusion beziehe ich mich vor allem auf Kinder und Jugendliche, die von Behinderungen betroffen sind. Hier kann ein anderer Blickwinkel auf das Leben mit diesen besonderen Kindern, weg von ihren Beeinträchtigungen oder Defekten, hin zu ihren Fähigkeiten und Stärken ein erster Ansatz für einen ethisch "richtigen"  Umgang sein. In der modernen Heilpädagogik setzt sich allmählich das Bewusstsein durch, dass sich sonderpädagogischer Förderbedarf von Kindern mit einer Beeinträchtigung, nicht nur aus ihren körperlichen, seelischen oder geistigen Einschränkungen, sondern häufig aus behindernden gesellschaftlichen Bedingungen ergibt.

Beispiele: Wenn es keine Fahrstühle an Bahnhöfen gibt, können Menschen im Rollstuhl nicht selbständig unterwegs sein und öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Sie haben immer Assistenzbedarf.

Wenn nur mathematische Fähigkeiten, aber nicht Sozialkompetenz oder handwerkliche Begabung für den Schulabschluss wichtig sind, sind Kinder mit Dyskalkulie chancenlos. 

 

Dialogblickwinkel anstatt Defektblickwinkel

Bei einem Dialogblickwinkel auf die betroffenen Kinder und ihre Eltern geht es nicht um die alleinige Fürsorge durch Pflegende und Pädagogen. Es geht darum, Kindern und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung für ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben gemäß ihren eigenen Vorstellungen und Fähigkeiten Assistenz zu geben und im gesellschaftlichen Leben vorhandene Barrieren zu beseitigen im Sinne des Empowerments.

 

Asperger-Syndrom und Empowerment

Menschen mit einem Asperger-Syndrom, einer Ausprägung im Autismus-Spektrum, haben häufig eine hohe Begabung im mathematischen oder logischen Bereich, so genannte Inselbegabung. Viele von ihnen sind IT-Spezialisten. Schwierig ist für diese Menschen meistens der Bereich der sozialen Kommunikation, Kontaktpflege zu anderen Menschen oder das Verstehen von Mimik. Einige große nationale und internationale Firmen nutzen im IT-Bereich mittlerweile gerne deren überragende Fähigkeiten  bei Programmierung und Daten-Controlling. Für die fehlende soziale Kompetenz oder die Kontaktpflege zu Kunden bieten Institutionen wie Autworkers Genossenschaft oder IT-Consutants wie Auticon Unterstützung durch Job-Coachs an. So können Asperger-Autisten mit ihren besondern Fähigkeiten ein selbstbestimmtes Leben führen und bereichern als Fachkräfte den ersten Arbeitsmarkt. Ob damit immer die Standards der Norm zur Corperate Social Responsibility erfüllt sind und ein wirklich gerechtes Arbeitsverhältnis hergestellt wird, bleibt auf lange Sicht abzuwarten.