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Präimplantationsdiagnostik

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) werden  durch künstliche Befuchtung (In-Vitro-Fertilisation) erzeugte Embryonen auf genetische Defekte oder Chromosomenanomalien (z. B. Trisomie 21) untersucht, bevor sie in die mütterliche Gebärmutter eingepflanzt werden. Diese Untersuchungsmehode ist nur  In einem bestimmten Zellentwicklungsstadium, dem Blastozystenstadium (drei bis fünf Tage nach der Befruchtung) möglich. Dem Embryo werden Zellen entnommen und auf die vermuteten genetischen Defekte untersucht.  In Deutschland wird PID bisher ausschließlich zur Erkennung von familiär bedingten schweren Erbkrankheiten, z.B. Muskeldystrophie oder Mukoviszidose angewendet. Genetische Defekte, die mit dem Leben unvereinbar sind, führen im Frühstadium einer Schwangerschaft häufiger zu Fehl- oder Totgeburten. Auch in diesem Falle ist PID erlaubt. Eingepflanzt werden der Frau nur (vermeintlich) gesunde Embryonen.  

Gesetzliche Regelung

Das  Präimplantationsdiagnostikgesetz ist seit 2011 in Kraft. Es dient als Ergänzung zum Embryonenschutzgesetz von 1991, welches Untersuchung an Embryonen, Klonen, Züchtung, Lagerung oder Handel sowie Patente auf embryonale Stammzellen  bisher verboten hat. Durch die PID können ca. 200 schwere erblich bedingte Erkrankungen festgestellt werden. Allerdings ist im Gesetz nicht genau definiert, welche Erkrankungen als schwerwiegend gelten. Mit der selbstverständlichen Weiterentwicklung der technischen Verfahren (z. B. bessere Gefrierlagerung von entnommenen Eizellen) in der modernen Reproduktionsmedizin werden immer weiter gehende rechtliche Regelungen notwendig.

Präimplantationsdiagnostik darf nur in wenigen, speziell dafür zugelassenen Zentren vorgenommen werden. Vorausgehen muss immer ein Beratungs- und Aufklärungsgespräch mit den Eltern sowie deren schriftliche Einwilligung zur PID. Vor jedem präimplantationsdiagnostischen Eingriff muss ein unabhängiges Ethikkommitee gehört werden bzw zustimmen. Ein Zustimmungskriterium ist dabei der tödliche Verlauf einer Erkrankung. Erbliche Veranlagungen, die erst im Erwachsenenalter auftreten, wie z. B. die Veranlagung zu Brustkrebs, gelten als prädiktive Diagnostik und dürfen vorgeburtlich nicht festgestellt werden. Allerdings gibt es auch hier Bestrebungen, die Gesetzeslage zu ändern.

Paare, die wegen ungewollter Kinderlosigkeit eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen, bei denen aber wissentlich kein schwerwiegende Erberkrankung vorliegt,  dürfen bisher vor dem Einpflanzen des befruchteten Eis in den Mutterleib in Deutschland keine PID vornehmen lassen. Allerdings ist es rechtlich unklar, ob bei den künstlich erzeugten Embryonen vor dem Einpflanzen ein Trisomietest vorgenommen wird. Hier herrscht eine rechtliche Grauzone. In Deutschland ist In-Vitro-Fertilisation nur bis zum Alter von 40 Jahren bei Frauen und 50 Jahren beim Mann erlaubt. In Ländern wie Ukraine, Tschechien, Polen oder Spanien gibt s kaum eine Altersbegrenzung.

Im europäischen und außereuropäischen Ausland ist die Gesetzes- und Diskussionslage z. T. viel weitgehender. In Belgien, Großbritannien, den USA, Israel, einigen islamischen Ländern, China und Indien wird die PID großzügig und wenig reglementiert angewendet.  In den USA haben die sehr liberale Einstellung zur Patientenautonomie, der Wunsch nach gleichmäßiger Geschwisterverteilung oder selbstverständliche Geschlechtsbestimmung zur Verhinderung geschlechtsbedingter Erbkrankheiten zu einer massiven Ausweitung der Verfahren geführt. In Israel gilt ungewollte Kinderlosigkeit als schweres Schicksal, welches auch künstliche Befruchtung oder Präimplantationsdiagnostik fast ohne gestzliche Reglementierung erlaubt. Ethisch hat das zu einem anderen Menschenwürdebegriff geführt, der Kindern dort erst nach ihrer Geburt zugesprochen wird.  In Portugal ist PID für die Erzeugung von Spenderbabies zugelassen. Sie werden in den Mutterleib eingepflanzt, wenn ihr genetischer Code für Knochenmarks- oder Organspenden immunologisch passend für bereits geborenes, an Leukämie oder tödlichem Organversagen erkrankten Geschwisterkinder ist.

Medizinisches Verfahren der In-Vitro-Fertilisation

Sowohl Präimplantationsdiagnostik als auch künstliche Befruchtung bedeuten für die Frauen eine große hormonelle, seelische und körperliche Belastung. Sie werden mit einer Hormontherapie zur vermehrten Eizellproduktion stimuliert. Meistens dauert es mehrere Zyklen, bis ausreichende Eizellen "geerntet" werden können. Diese werden mit dem gespendeten Samen künstlich befruchtet und der Frau entweder sofort eingepflanzt oder unbefruchtet eingefroren. Um eine Schwangerschaft zu erzeugen, müssen der Frau etwa 35 Eizellen in 5-7 Zyklen entnommen und eingefroren gelagert werden.  In Deutschland gab es bisher etwa 80.000 IVF-Verfahren, aus denen aber nur 10.000 geborene Kinder hervorgingen. So intime Vorgänge wie Sexualität, Fortpflanzung, Schwangerschaft und Geburt werden mit PID und gentechnischen Verfahren aus der Privatsphäre in die Öffentlichkeit katapultiert und als technischer Vorgang in die Hände von FortpflanzungsmedizinerInnen gelegt.

Ethische Debatte

Die Präimplantationsdiagnostik löste schon vor der gesetzlichen Einführung eine sehr weit gehende ethische Debatte über Menschenwürde und Lebensrechte von Embryonen und  geborenen Kindern aus. Die rasche Weiterentwicklung der Medizintechnik auch in diesem Bereich weitet die ethische Debatte aus. Gibt es ein Recht auf ein gesundes Kind? Oder gar einen Zwang, unbedingt nur ein gesundes Kind zu akzeptieren? Erhöht die Ausweitung der Reproduktionsmedizin den Zwang  zu einem gesunden Kind? Wie kann Eltern, die verzweifelt über die Lebensbedingungen ihrer lebensbedrohlich erkrankten Kindern sind, mit solchen Verfahren geholfen werden?  Wo sind die Grenzen zur Eugenik überschritten?  Was passiert, wenn ich trotz Präimplantationsdiagnostik und Pränataldiagnostik ein behindertes Kind zur Welt bringe, weil die Erkrankung noch nicht genetisch feststellbar ist? Was passiert, wenn sich eine Erkrankung oder Behinderung unentdeckt während der Schwangerschaft entwickelt oder unter der Geburt entsteht? Wer ist dann dafür verantwortlich oder haftbar? Schützt die Gesetzeslage und die ethische Debatte überhaupt noch ausreichend vor Missbrauch  meiner überzähligen" Embryonen für Forschungszwecke oder Handel? Müssen MedizinerInnen, ForscherInnen und EthikerInnen allen medizinischen Entwicklungen im Ausland folgen? Verschlechtert die Weiterentwicklung von  Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik die Lebensbedingungen von Kindern, die bereits mit der Erkrankung oder Behinderung leben? Werden Behandlung, Pflege, Rehabilitation mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten und Individualiserung zukünftig abgelehnt? Werden Eltern bei einer Beratung in den Praxen darüber ausreichend aufgeklärt? Können Eltern dann wirklich eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen?

Hier sehe ich in Beratung und Aufklärung für Betroffene und entsprechende Praxen mein Arbeitsfeld als Ethikberaterin. Auch eine Ausweitung der gesellschaftlichen Debatte über die neuen medizinischen Verfahren im Zusammenhang mit den Lebnsbedingungen von Menschen mit Behinderungen, Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe gehört für mich dazu.