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Moderne Verfahren der Fortpflanzungsmedizin

Seit der Geburt des weltweit ersten "Retorten-Babies" Louise Brown 1978 in Großbritannien hat sich die moderne Fortpflanzungsmedizin, ebenso wie die moderne Medizin überhaupt, rasant weiterentwickelt. Welche Verfahren gehören heute zur modernen Fortpflanzungsmedizin? Welche Verfahren werden selbstverständlich durchgeführt, welche Verfahren werden diskutiert? Dargestellt werden hier in Kürze das Verfahren des Zellkern-bzw. Spindeltransfers und das Verfahren des Social Freezings. Außerdem gehe ich kurz auf die bisherige ethische Debatte ein.

Eizellspende, Zellkern-, Vorkern oder Spindeltransfer

Mitochondrien oder auch Eizellspindel nennt man die Fäden in der Eizelle einer Frau, welche den Zellkern iin der Eizelle halten. In den Mitochondrien sind Enzyme enthalten, welche die Erbinformationen aus dem Zellkern lesen bzw. entschlüsseln. Bei Defekten in diesen Mitochondrien kann es zu schweren neurodegenerativen Erkrankungen kommen.  Diese sind häufig mit dem Leben unvereinbar oder können zu sehr schweren Behinderungen führen. Mittlerweile werden  Verfahren der Eizellspende, Vorkernspende oder des Spindeltransfers (der Mitochondrienfäden) medizinisch weiterentwickelt. In Großbritannien wurden diese Verfahren gesetzlich zugelassen. Damit entstehen ganz neue rechtliche und ethschie Debatten. Bei einer Eizellspende oder Zellkernspende haben Kinder rechtlich gesehen drei Eltern (zwei Mütter und einen Vater). Was passiert zum Beispiel, wenn beide Mütter einen Anspruch auf das geborene Kind erheben? Oder wenn das Kind trotzdem mit einer Behinderung zur Welt kommt?

Mitochondrien werden auch die Kraftwerke der Zellen genannt, da sie die Zellinformationen durch Enzyme entschlüsseln und steuern. Bei Spindelkerntransfer kann es vorkommen, dass die Informationen der Mitochondrien nicht mit den Erinformationen der Eizelle zusammenpassen und neue Krankheiten ausgelöst werden. Diese Folgen sid bisher relativ unerforscht.

Mitochandrien gelten als Jungbrunnen der Zellen. Durch diese Verfahren können Forschungen vorangetrieben werden, die eine "ewige" oder längere Jugend ermöglichen.

Auch bei einer Eizellspende zur Verhinderung schwerer Erbkrankeiten taucht die Problematik auf, dass ein Kind zwei Mütter hat. In Indien gibt es für die Erzeugung einer Schwangerschaft durch Eizell- oder Samenspende keine Alternsbegrenzungen. Traurige Berühmtheit erlangte ein Fall  im Aril 2016, be der eine 70-jährige Inderin und ihr 76-jähriger Mann durch eine Eizellspende zum ersten Mal Eltern wurden, um einen männlichen Erben zu erhalten.

Zeitverschobene Elternschaft - Social Freezing

Beim Social Freezing lassen sich junge Frauen aus medizinischen oder sozialen Gründen ihre Eizellen entnehmen und kryokonservieren, um zu einem späteren Zeitpunkt, der besser in ihre Biographie passt, ein genetisch eigenes Kind bekommen zu können. Vor allem vor einer Gewebe schädigenden Strahlentherapie bei Krebs oder weil die berufliche Karriere der Frauen in der momentanen Lebenssituation Vorrang hat und der passende Partner fehlt, greifen Frauen verstärkt auf dieses relativ neue reproduktionsmedizinische Verfahren zurück. Ein möglicher Kinderwunsch kann durch Social Freezing aufgeschoben und für Jahre oder Jahrzehnte auf Eis gelegt werden. Das beste Alter zur Eizellentnahme liegt aus medizinischer Sicht zwischen 18 und 30 Jahren. Durch die veränderten Berufs- und Familienbiografien entscheiden sich Frauen heute oftmals erst jenseits des 30 Lebensjahres, ein Kind zu bekommen. Sie sind wegen langer Ausbildungs- und Studienzeiten oder engagierter Berufstätigkeit oftmals älter als 35 Jahre, wenn ihnen das Ticken ihrer biologischen Uhr bewusst wird.

Ebenso wie andere medizintechnische Behandlungsmethoden, wird auch Social Freezing durch unterschiedliche Einfriertechniken immer weiter perfektioniert. Vor allem die Gefrierlagerung durch Vitrifikation, ein rasches Schockfrosten bei -196 C in flüssigem Stickstoff, welcher mit Frostschutzmittel versetzt ist, verbessert die Qualität der entnommenen weiblichen Eizellen nach dem Auftauen.

Die hohen Kosten, pro Behandlungszyklus zwischen € 4000,- und € 6000,- , werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Auch private Krankenversicherer garantieren nur sehr begrenzt eine anteilige Kostenübernahme. Damit kommt Social Freezing vor allem für beruflich gut situierte Frauen in Frage. Über 70% der Nutzerinnen sind Akademikerinnen

Ethische Debatte

Zur Zeit gibt es von Seiten vieler MedizinerInnen und EthikerInnen eine Debatte über die Ausweitung von PID und Verfahren moderner Fortpflanzungsmedizin. Auch die sozialen und ethischen Folgen von Social Freezing werden diskutiert. Möglich wird diese Ausweitung und Perfektionierung der Reproduktionsmedizin durch verbesserte technische Verfahren. Auch Leihmutterschaft bei schweren Erkrankungen wird diskutiert. In einigen europäischen und auereuropäischen Staaten ist Leihmutterschaft erlaubt.  Die Ausweitung und zukünftig selbstverständliche Nutzung der In-Vitro-Fertilisation wird in der modernen medizinethischen Debatte mit dem Recht auf reproduktive Autonomie begründet, teilweise sogar mit dem Recht auf ein Kind. Einige EthikerInnen sehen das aus der Patientenautonomie bzw. dem Menschwürdebegriff des Grundgesetzes und der europäischen Menschenrechts-Charta abgeleitet. Ein weiterer Argumentationsstrang ist die Mutmaßung, dass sich damit die Anzahl an gesund geborenen Kindern durch Reproduktionsmedizin auch nach Umweltkatastrophen wie z. B. in Fukushima erhöhen lasse.

Gerne biete ich Vorträge und Beratung zur gesamten Problematik der modernen Fortpflanzungsverfahren an.