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Care-Ethik und Empowerment

Jeder Mensch braucht im Laufe seines Lebens Pflege, wenn er sich nicht mehr oder noch nicht selber versorgen kann. Am Lebensanfang als Säugling oder Kleinkind, bei schweren Krankheiten, als Pflegefall, im Alter, wenn die Kräfte schwinden oder im Falle von schwerwiegenden Behinderungen.

Bei der Pflegeethik oder auch Care-Ethik geht es darum, das Verhältnis von professionell Pflegenden zu pflegebedürftigen Menschen in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder bei der häuslichen Pflege so würdevoll wie möglich zu gestalten. Die Pflegenden erhalten und unterstützen die Lebensaktivitäten und eigenständige Lebensführung der hilfebedürftigen Menschen (Deutscher Pflegerat 2004). Gesellschaftlich wird ihre Arbeit immer wichtiger, weil es immer mehr alte Menschen gibt. Gleichzeitig ist Pflegearbeit schlecht bezahlt im Verhältnis zur hohen Verantwortung. Durch Deckelung der Pflegebudgets und durch die Einteilung in Pflegemodule bleibt immer weniger Zeit für einen würdevollen Umgang mit Pflegebedürftigen.

Die Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekräften ist meistens asymmetrisch, da die Pflegebürftigen abhängig von der Hilfe der Pflegekräfte sind, um überhaupt noch Lebensqualität zu haben oder eine selbstbestimmte, ihren Vorstellungen entsprechende Lebensweise führen zu können. Je größer die Abhängigkeit des Pflegbedürftigen ist, desto stärker sollten die Pflegenden Würde und Selbstbestimmung der Hilfsbedürftigen schützen. Pflegekräfte erleben die Pflegebedürftigen häufig über längere Zeit in sehr intimen Lebensbereichen bei alltäglichen Handlungen, die die Personen nicht mehr ohne Hilfe ausführen könnten: Waschen, füttern, Medikamente verabreichen, Begleitung  bei lebensbedrohlichen Krankheiten, Sterbebegleitung am Lebensende. Durch Zeitdruck und finanzielle Knappheit der Pflegeeinrichtungen können Pflegkräfte kaum noch würdevoll und freundlich mit den PatientInnen umgehen. Es bleibt keine Zeit für eine ruhige Mahlzeit, Gespräche, das Erklären bestimmter Pflegemaßnahmen und Medikamente oder eine gelassene Sterbebegleitung, die den Wünschen der Pflegebedürftigen entspricht. Wenn die Pflegehandlungen würdelos und ohne Diskretion durchführt werden, verstärkt das die Abhängigkeit, Wut und unterdrückte Aggression der Hilfsbedürftigen.

In den neueren Ansätzen der Care-Ethik geht es darum, dass Pflegekräfte diese körperliche und seelische Abhängigkeit wahrnehmen und durch Zuwendung, Fürsorge und Verantwortung für den pflegbedürftigen Menschen so weit wie möglich lindern, ohne ihn zu bevormunden.

Das Konzept des Empowerment geht davon aus, die Stärken und noch vorhandenen Fähigkeiten des pflegebedürftigen Menschen an erster Stelle zu sehen, ihm so weit wie möglich ein selbstbestimmtes und seinen Wünschen entsprechendes Leben zu ermöglichen und damit seine Autonomie zu stärken. Dabei wird der Begriff der Fürsorge durch den Begriff der Assistenz ersetzt. Anstelle von Überfürsorge aus Sicht der Gesunden definieren die Pflegebedürftigen, welche Hilfestellung und Assistenz zur Selbsthilfe sie brauchen. Daran richtet sich die tatsächliche geleistete Hilfestellung und Assistenz aus, die so viel  Selbständigkeit wie irgend möglich erhalten soll. Schwierig werden diese Konzpte bei dementen PatientInnen, die die Notwendigkeit bestimmter Pflegemaßnahmen nicht mehr einsehen können. Sinn einer Ethikberatung ist es,  hier Aufklärung von Pflegbedürftigen und Angehörigen zu leisten. Eine rechtzeitig erstellte Patientenverfügung oder Gesundheitsvollmacht schafft in diesem Falle mehr Klarheit. Hier können PatientInnen auch festhalten, welche Form von Pflege sie wünschen, in Pflegeheimen oder individuelle Pflege.

Ebenso bei Konflikten zwischen Pflegenden, Pflegebedürftigen, Angehörigen und behandelnden ÄrztInnen kann Ethikberatung vermitteln oder für ganz neue Konzepte beraten, z. B. für Pflegezeitkonten.